S. Fidelity – „I Guess I’ll Never Learn“ // Eine Odyssee durch das Herz

S. Fidelity I Guess

Der Produzent S. Fidelity, aufgewachsen im schweizerischen St. Gallen, pflegte schon früh eine obsessive Leidenschaft für Musik. Gemeinsam mit Freunden brannte er CDs, wobei der Wettbewerb darin bestand, die obskursten Schätze zu finden. Ohne formale Ausbildung, nur bewaffnet mit Neugier, begann er mit dreizehn Jahren am Computer seiner Mutter zu produzieren. Diese Akribie des Sammlers prägt nun auch sein drittes Album bei Jakarta Records. Im Gegensatz zum Vorgänger „Fidelity Radio Club“, der wie eine bunte Radioshow zwischen Hip-Hop und Funk sprang, wirkt „I Guess I’ll Never Learn“ wesentlich fokussierter. Dreizehn Stücke erzählen von einem ewigen Kreislauf: Begehren, Besitz, Verlust und die erneute Sehnsucht.

Die Dynamik des Verlangens

S. Fidelity setzt auf diesem Longplayer sieben verschiedene Vokalisten ein, um diesen emotionalen Zyklus zu vertonen. Die Produktion ist dabei deutlich wärmer und geduldiger geworden als auf seinen früheren Werken. Dawn Richard eröffnet das Album mit dem Track „Play“ und setzt sofort einen intensiven Standard. Ihre Performance wirkt wie der Soundtrack zu einer Nacht, die bereits in vollem Gange ist. Mit direkten Lyrics fordert sie den Bruch aller Regeln und eine kompromisslose Intimität. Die Musik lässt ihr dabei den nötigen Raum, um diese hungrige Energie über vier Minuten hinweg voll zu entfalten.

Jerome Thomas schlägt auf „So Good“ in eine ähnliche Kerbe, bringt jedoch eine spürbare Süße in die Produktion ein. Er wirkt eher dankbar als gierig, was einen interessanten Kontrast zur vorangegangenen Intensität bildet. In seinem zweiten Auftritt „24h (Joyride)“ wird die Thematik komplizierter. Während eine Frau nach Beständigkeit sucht, stellt Thomas klar, dass er nur für die Nacht bleiben kann. Die schleppenden Keyboard-Sounds und unruhigen Drum-Pattern spiegeln diese Unverbindlichkeit perfekt wider. Es bleibt bei einem flüchtigen Moment, bevor der Trip endet.


S. Fidelity – I Guess I’ll Never Learn – Schmerz und die Anatomie des Zerfalls

Ein emotionales Schwergewicht des Albums ist die Zusammenarbeit mit Collard und MERON auf „Limbo“. Die Beichte, lieber woanders sein zu wollen, wiegt schwer. Collards Vortrag schwankt zwischen Gesang und Rezitation, was die Verzweiflung der Texte unterstreicht. Noch tiefgreifender wirken die drei Beiträge von Raelle. Auf „Siena (64kbit/s)“ und „Crimson (64kbit/s)“ nutzt S. Fidelity eine Lo-Fi-Kompression, die den Gesang wie durch einen Telefonlautsprecher klingen lässt. Diese technische Entscheidung erzeugt eine bedrückende Intimität. Raelle durchläuft eine Entwicklung vom Selbstverlust bis hin zur puren Wut auf „Grey Mirror“.

Fragmente der eigenen Persönlichkeit

Interessanterweise tritt S. Fidelity auf zwei Stücken selbst ans Mikrofon. Diese Momente wirken besonders authentisch, da sie weniger poliert sind. „When Dumb Thoughts Learn How to Walk“ schichtet Phrasen wie „let it go“ übereinander, bis sie zu einer reinen Textur verschmelzen. Es wirkt wie das Proben eines Abschieds. Das instrumentale „Bobby Hollywood“ mit der Gitarre von Alex Cosmo Blake fungiert als dringend benötigte Atempause. Diese persönlichen Einschübe geben dem Album eine klare Identität jenseits der Gastbeiträge.

„Glass on the Floor“ bildet schließlich den härtesten Moment des Albums. Collard kehrt zurück, und die Hoffnung aus „Limbo“ ist endgültig zerbrochen. Es ist ein Moment der totalen Niederlage, bevor Wandl mit dem Titeltrack den Kreislauf schließt. „Real love is free“ singt er über die sanften Streicher von FloFilz. S. Fidelity (Youtube) hat mit diesem Werk eine kohärente Welt erschaffen. Jede Stimme bringt ihr eigenes Wetter mit, doch die Produktion hält alles zusammen. Es gibt keine überflüssigen Songs, nur einen Zyklus, der sich einmal perfekt dreht. S. Fidelity liefert mit diesem Album eine reife Leistung ab, die zeigt, dass weniger manchmal tatsächlich mehr ist.

S. Fidelity – „I Guess I’ll Never Learn“ // Spotify:

S. Fidelity – „I Guess I’ll Never Learn“ // apple Music:

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