Sleaford Mods: Die Stimme der Außenseiter

Die Sleaford Mods sind eine Band wie keine andere. Hier versucht sich niemand, als außerordentlicher Musiker darzustellen. Ganz im Gegenteil. Das Duo aus Nottingham betont seine Defizite und glänzt damit nur umso mehr. Für ihre Live-Show benötigen Jason Williamson und Andrew Fearn lediglich ein Mikrofon und einen Laptop. Genauso karg, wie sich das anhört, klingen die beiden auch.

Ihre Raps kommen aus den sozialen Brennpunkten Englands. Sie verkörpern ein ganz besonderes Bild: Kantig, wütend und voller Verachtung für alles, was ihrer Meinung nach schiefläuft. Die Texte der Sleaford Mods spiegeln jene Erfahrungen wider, die sie selbst viele Jahre lang gemacht haben. Sie sind laut, ungeschönt und eigen, doch genau das macht den Charme dieser Band aus. Hier werden keine Gefangenen gemacht, unbequeme Wahrheiten jedoch hemmungslos ausgespuckt. Das gilt im wahrsten Sinne des Wortes.

Musikalische Anklage im Dauerfeuer

Wer jemals ein Konzert der Band gesehen hat, konnte schnell feststellen, dass Sänger Jason Williamson seine Wortsalven wortwörtlich ins karge Scheinwerferlicht spuckt. Nach mittlerweile elf Platten sind die beiden Mittvierziger längst zu neuen Helden der britischen Arbeiterklasse aufgestiegen. Wenn ihr hier jedoch einen künstlerischen Ausverkauf vermutet, liegt ihr falsch. Auch auf ihrem aktuellen Album Spare Rips verfluchen die Sleaford Mods die Fehlentwicklungen dieser Welt und schimpfen auf alles, was nicht bei spätestens drei auf den Bäumen sitzt. Das soll allerdings nicht heißen, dass hier keine künstlerische Entwicklung stattgefunden hat.

Mut zur Innovation wird erkennbar

Schon in der Vergangenheit ließ es das Duo zu, dass sich hin und wieder eingängige Melodien in das Dauerfeuer der musikalischen Wuttiraden eingeschlichen haben. Diesmal ging die Band sogar noch einen Schritt weiter. Erstmals luden sie mehrere Gastsängerinnen ins Studio ein. Mit dabei sind Billy Nomates, Lisa McKenzie und Amy Taylor. Das ungewohnte Experiment gelang wider Erwarten. Die Gäste verliehen dem wuchtigen Sound der Sleaford Mods neue Finessen. Schließlich benötigen die im groben Akzent der britischen Midlands vorgetragenen pessimistischen Einschätzungen der Weltsituation einen Gegenpart, der die Stimmung ein wenig abfedert. In der Szene von Nottingham hat sich die Band, neben der jungen und talentierten Soulsängerin Harleighblu längst einen Ausnahmestatus erarbeitet.

Der Erfolg bleibt ein Rätsel

Bereits im Jahr 2017 ließ die Band eine Dokumentation über sich anfertigen. In „Bunch of Kunst“ gewährten die Rüpel einen umfassenden Blick hinter die Kulissen. Schließlich ist der Erfolg den Betroffenen selbst ein Rätsel. Folgerichtig lautet das unausgesprochene Motto der Dokumentation auch: Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Dies bezieht sich auch auf die triste Situation in jenen Orten, über die Jason Williamson rappt. Die farblosen Städte im Norden Englands kämpfen mit Arbeitslosigkeit und Tristesse. Die einzige Unterhaltung bietet der Fußball. Wenn die Lieblingsmannschaft am Wochenende aufläuft, dann versammeln sich die Hauptdarsteller der Songs in den unzähligen Pubs und feiern, was das Zeug hält.

Gut möglich, dass die demnächst beginnenden Fußball-Europameisterschaft Abwechslung in den Alltag bringt. Zwar reihen die Experten den amtierenden Weltmeister derzeit knapp vor dem englischen Nationalteam ein, doch die Three Lions erhalten derzeit auf Betway eine Sportwetten Siegquote von 6,50 (Stand 7.6.) für Platz zwei. Das gibt den vom Leben gebeutelten Anhängern wieder Hoffnung. Eine Stimme haben sie längst in der ungewöhnlichen Band gefunden. Diese benennt die Probleme aktiv beim Namen und nimmt sich dabei kein Blatt vor dem Mund.

Aggression übersetzt in tanzbare Songs

Ihr Markenzeichen, die minimalen Lo-Fi-Drumbeats und der hämmernde Bass, sowie die desillusionierten und wütenden Texte sind das unverkennbare Markenzeichen der Band geworden. Offenbar haben Jason Williamson und Andrew Fearn den Nerv einer Zeit getroffen, die von Perspektivlosigkeit in den englischen Midlands geprägt ist. Dort feiern zwar Künstlerinnen wie Faye Halliday Erfolge, doch das mildert nicht die Zukunftsängste. Wo Halliday mit filigraner Handarbeit punktet, dreschen die Sleaford Mods so richtig drauf.

Gesellschaftliche Unzufriedenheit sucht sich ihren Weg. Das beweist auch die ARTE-Dokumentation The Rise of Graffiti Writing 6. Diese zeichnet den Weg der Writings im Berlin der 1990er Jahre nach. Aggression und Nihilismus übersetzen die Sleaford Mods in tanzbare Songs. Williamson sieht sich selbst als die zornige Stimme des kleinen Mannes, wie er Bayern Radio unlängst in einem Interview berichtete.

In ihrer Heimat Nottingham haben die Sleaford Mods zwar längst die Tristesse der Arbeiterviertel hinter sich gelassen und sind in einen Vorort gezogen. Doch ihr Ziel ist das Gleiche geblieben. Sie möchten sich uns auch in Zukunft so wahrhaftig und ehrlich präsentieren wie bisher.

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