Netflix-Doku über Pelé: Ist das schon Kunst oder noch Fußball?

Er wird in einem Zug mit Diego Maradona oder Ronaldo genannt: Pelé gilt als einer der größten Fußballer aller Zeiten und hat Fußball zur Kunstform erklärt. Streaming-Anbieter Netflix hat dem heute 80-jährigem Kicker eine Doku gewidmet, die auf sein bewegtes Leben zurückblickt.

Fußballdokus gibt es viele. Ob Schweigers Werk über Bastian Schweinsteiger, der Rückblick auf den Sommer 2006 oder der erschreckende Fall von Maradona: Der Blick hinter die Kulissen des internationalen Fußballs wird Sportliebhabern in aller Ausführlichkeit gewährt. Doch die leisen und stillen Momente werden dabei oft vergessen. Es geht um Höhepunkte, Karriereenden und die Frage, was danach folgt. Bisher schafften nur es wenige Filme, die Zwischentöne einzufangen.

So zum Beispiel „Kroos“ von Manfred Oldenburg. Der deutsche Spieler, der aktuell für Real Madrid in der spanischen La Liga kämpft, kombiniert in seiner Doku große Erfolge und private Einblicke. Kritiker waren sich beim Start 2019 uneinig und sprachen über die unspektakulären Ereignisse, doch in jenen Monaten zeigen Regisseure, dass Fußball nicht nur laut und voller Kraft ist. Auf dem Feld ist dies legitim und passend – nicht umsonst würde Kross mit Real Madrid derzeit bei dem kommenden Spiel gegen Celta Vigo laut NetBet mit einer Wettquote vorne 1,74 (Stand: 10.3.) vorn liegen. Aber Fußball ist eben auch Ruhe, Reflektiertheit, Kunst und Altern. So, wie es Netflix jüngst mit der Doku „Pelé“ bewies.

Stiller Held

Dass Edson Arantes do Nascimento – oder besser bekannt als Pelé – eine besondere Person im Fußball ist, daran lassen die Regisseure David Tryhorn und Ben Nicholas keinen Zweifel. Schon früh verbuchte er insgesamt 26 Titel mit seinem Verein FC Santos und machte in zum Weltstar des Fußballs. Sympathieträger und Profi in einem wurde er schnell zum Vorbild einer ganzen Generation.

Die sportlichen Erfolge sind jedoch nicht das Kernthema der Dokumentation. Viel mehr gehen die beiden Filmemacher Tryhorn und Nicholas auf die politischen Umstände ein, die einen Großteil von Pelés Karriere ausgemacht haben. All das bildet eine neue Note, die für Fußballdokumentationen ungewöhnlich ist. Fußballfans sollten sich zwar auf eine sehr gemächliche Geschichtsstunde gefasst machen, doch interessant sind die Rückblicke des 80 Jahre alten Fußballers in jedem Fall.

Schmaler Grat

Die Andersartigkeit der Doku macht den Film nicht selbst zum Kunstwerk, aber die Art und Weise, wie Pelé über den Sport spricht, hebt sie auf ein neues Level. Vorsichtig und bestimmt bewegen sich die Interviews durch die Zeitgeschichte und hinterlassen einen leichten Beigeschmack. Das Spannungsfeld, das eindeutig die Beziehung zwischen Pelé und der damaligen Diktatur Brasiliens umfasst, wird zu bewusst umschifft. Ob es keine Äußerungen dazu geben sollte, unangenehme Fragen im Vorfeld ausgeklammert wurden oder es einfach nicht eingeplant war: Von den Autoren hätte man sich als Zuschauer gewünscht, dass auch an kritischen Stellen mehr nachgehakt wird. So bleibt der Gesamteindruck, dass Pelé zweifellos ein wunderbarer Ballkünstler auf dem Feld war, der jedoch keine Risse in seinem Image sehen möchte. Eine Entscheidung, die man akzeptiert, aber die unweigerlich zur Meinungsbildung beitragen. Die Dokumentation ist demnach nicht für Fußballfans interessant und sorgt für jede Menge Spannung.

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