Kanye for President: Wie stehen seine Chancen?

Bei den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten ist schon so manches passiert, das jeder Wahrscheinlichkeit zu spotten scheint. Ein Ex-Barkeeper, ein ehemaliger Schauspieler und ein früherer Reality-TV-Darsteller haben es schon ins Weiße Haus geschafft. Warum also nicht auch Kanye West, seit Jahren eine der schillerndsten Figuren im amerikanischen Musikgeschäft? Das dachte sich zumindest der 43-jährige Rapper und Sneaker-Designer im Juli diesen Jahres und gab in einem Tweet seine Kandidatur für die Präsidentschaft bekannt. Damit hat er im ganzen Land für Aufsehen gesorgt– aber auch ziemlich viel Spott und Kritik geerntet.

Was ist los mit Kanye?

Besonders überraschend kam die Ankündigung, weil Yeezy sich doch eigentlich wiederholt als begeisterter Trump-Anhänger geäußert hat. Vor zwei Jahren hat er den amtierenden Präsidenten sogar im Oval Office besucht. Und jetzt, in der heißen Phase des Wahlkampfes, will er ihn auf einmal herausfordern? Ernsthafte Chancen auf einen Wahlsieg hat Kanye wohl ohnehin nicht. Der knappe Tweet hat die Beobachter daher zunächst rätseln lassen, welche Motivation hinter der Ankündigung steckte. Zusätzliches Futter für Spekulationen hat kurz darauf Kanyes Ehefrau, Reality-Sternchen Kim Kardashian geliefert. Auf Instagram schreibt sie über seine geistige Gesundheit und deutet an, dass seine kontroversen Äußerungen auch auf eine bipolare affektive Störung zurückzuführen seien. Schützenhilfe im Wahlkampf sieht anders aus. Auf die Stellung als First Lady der USA hat es Kim Kardashian also wohl nicht abgesehen. Gleichzeitig bittet sie aber auch um Verständnis für ihren Ehemann und sagt, dass seine Wörter nicht unbedingt mit seinen Absichten übereinstimmen. So gut diese Äußerung auch gemeint sein mag, für einen angehenden Präsidentschaftskandidaten stellen sie doch eine ziemliche Blamage dar.

Kanye macht ernst

Yeezy lässt sich durch solches Störfeuer aber nicht beirren und macht weiter. Ob er dabei einem bestimmten Plan folgt, ist nicht ganz klar. Da er für eine Kandidatur eigentlich etwas spät dran ist, hat er in den meisten Bundesstaaten die Fristen für die Eintragung auf den Wahlzettel verpasst. In 12 Bundesstaaten hat er sich allerdings rechtzeitig gemeldet und dürfte daher am 3. November als Kandidat wählbar sein. Hoffnungen auf einen Sieg hat er allerdings nicht, denn selbst wenn er in diesen 12 Bundesstaaten gewinnen würde, hätte er rein rechnerisch dennoch keine Chancen. Trotzdem macht Kanye unbeirrt weiter, hielt Ende Juli seine erste Wahlkampfveranstaltung und postete im August ein Wahlkampfplakat auf Twitter. Ansonsten hält er sich aber derzeit mit Äußerungen zu seinen politischen Ambitionen zurück. Stattdessen postet er auf Twitter etwas über eine Handverletzung die er sich durch zu viel Herumgetippe auf dem Smartphone zugezogen hat. Wirklich staatsmännisch wirkt sein Auftritt nicht. Trotzdem hat es West mit seiner ursprünglichen Ankündigung geschafft, ein paar prominente Unterstützer für sich zu gewinnen. Und nein, dabei handelt es sich nicht nur um Rap-Kollegen, auch wenn 2 Chainz, Chance the Rapper und einige andere dazu gehörten. Auch einige Football-Spieler wie Dez Bryant und Darrelle Revis gaben öffentlich ihre Unterstützung für West bekannt. Das prominenteste Beispiel ist wohl Elon Musk, dem West sogar einen Posten in seinem Kabinett angeboten haben soll. Allerdings weiß wohl auch der Tesla-CEO, dass es um Kanyes Kampagne eher schlecht bestellt ist. Er soll ihm geraten haben, lieber noch etwas zu warten und es beim nächsten Mal zu versuchen – das wäre dann 2024.

Wer profitiert von Kanyes Kandidatur?

Auch wenn Kanye West dieses Mal wohl nicht ins Weiße Haus einziehen wird, könnte sich seine Kandidatur durchaus auf den Ausgang der Wahlen im November auswirken. Denn in verschiedenen Umfragen haben ein bis zwei Prozent der Teilnehmer angegeben, dass sie für Kanye stimmen wollen. Das hört sich zunächst nicht nach viel an. Allerdings hat er sich auch in einigen sogenannten Swing States für die Wahl qualifiziert. Während in vielen US-Bundesstaaten schon vor der Wahl nahezu sicher ist, ob Demokraten oder Republikaner den Sieg davon tragen, werden in den Swing States beiden Parteien Chancen eingeräumt. So beispielsweise in Colorado und Iowa, wo sich Donald Trump und Joe Biden vermutlich ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern werden. Wenn Kanye West der einen oder der anderen Seite ein paar Prozent der Stimmen wegnimmt, könnte das zum Schluss den Ausgang der Wahl verändern. Die Frage ist nur: Von welcher Partei stammt Kanyes Wählerschaft? Einerseits ist West unter Trump-Anhängern beliebter (oder besser gesagt: weniger unbeliebt) als unter Biden-Anhängern. Denn mit seinem Pro-Trump-Aktivismus hat Kanye sich dort in den letzten Jahren viele Freunde verschafft. Andererseits könnte Kanye auch einen Teil der schwarzen Wählerschaft der Demokraten ansprechen. Denn während er größtenteils eher konservative Positionen vertritt, hat er sich im Gegensatz zu Präsident Trump auch positiv über die Black Lives Matter-Bewegung geäußert. Das hat schon Spekulationen veranlasst, dass es eigentlich die Trump-Kampagne ist, die hinter Kanyes Kandidatur steckt. Und tatsächlich gibt es sogar ein paar Anzeichen die darauf hindeuten. Anfang August hat er sich mit Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner getroffen. Nach eigenen Angaben hat er sogar ein ziemlich enges Verhältnis zu dem Berater des Präsidenten und spricht fast täglich mit ihm. Und auch einige altgediente Mitglieder der Republikaner unterstützen ihn bei seinen Bemühungen, sich auf die Wahlzettel eintragen zu lassen. Wenn diese Vermutung stimmt, wäre das allerdings ein ziemlich riskantes Manöver. Möglicherweise würde es Trump selbst mehr schaden als seinem Gegner Biden.

Was sagen die Buchmacher?

Umfragen verraten nicht alles über den Ausgang einer bevorstehenden Wahl. Warum also nicht einmal bei den Buchmachern nachschauen, wie sie Kanyes Chancen bewerten? Schließlich ist es in Ländern wie den USA gang und gäbe, Wetten auf den Ausgang von wichtigen Wahlen (und noch viel absurderen Dingen) abzuschließen. Es gehört also zum Beruf der Buchmacher, sich mit der mathematischen Wahrscheinlichkeit eines Wahlsieges der Kandidaten auseinanderzusetzen. Und kurz nach seiner Ankündigung sah es gar nicht einmal so schlecht für ihn aus: Immerhin boten einige Wettbüros Quoten von 50:1 an. Damit war er zwar weit hinter den Favoriten Obama und Biden, die jeweils Quoten von unter 2:1 haben, aber immerhin auf dem vierten Platz der aussichtsreichsten Kandidaten. Allerdings hat sich die Stimmung seither gedreht. Im Moment sind die Quoten zwischen 300:1 und 200:1, was wirklich ein verrückter Wert ist. Bessere Gewinnchancen gibt es am Blackjack-Tisch in jedem beliebigen Live Casino, und die sind eigentlich für ihren dicken Hausvorteil bekannt. Die Gründe für diesen Absturz waren wahrscheinlich zuerst die Social Media-Aktivitäten von Kanye und Kim. Spätestens als klar wurde, dass Kanye rechnerisch keine Chancen darauf hat, im Electoral College zu gewinnen, war wohl auch den risikofreudigsten Wettfans klar, dass ein Präsident West in dieser Wahlperiode vom Tisch ist. Rein theoretisch könnte er immer noch gewinnen: Wenn kein Kandidat im ersten Wahlgang eine Mehrheit erzielt und er den dritten Platz belegt, müsste das Abgeordnetenhaus der USA den Präsidenten wählen. Ob Paradiesvogel Kanye unter den Anzugträgern im Parlament viele Unterstützer hat? Vermutlich nicht.

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