Montagskolumne: Selbstoptimierungswahn 2016 und das Ende der Sexschnauzen

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Mal abgesehen von all den Terrorgeschichten und Promitoten des letzten Jahres: irgendwie war 2016 auch das Jahr der Selbstoptimierung, oder? Also so wie 2013, 2014 und 2015 auch schon, nur dass – wie überall im vergangenen Scheißjahr – der Wahn jetzt endgültig ausgeufert ist und es dringend eine Gegenbewegung braucht, die ich hiermit einläuten möchte.

Es macht einfach keinen Spaß mehr, sich diese übermotivierten Beatyfugen (m/w) anzusehen und ich kann da auch keinen Like mehr auf irgendwelchen Plattformen droppen, sagen wir doch wie es ist: Instagram ain’t nuttin‘ but a fakeass lil‘ Softpr0n-Show. Die 13jährigen schminken sich, wie es ihnen ihre Vorzeige-Fashionblogoteusen tagtäglich erklären und tauschen auf Youtube Schmollmund-Lippensauger-Shoppingtipps aus.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich im Rahmen einer Bloggerreise eine ziemlich durchoperierte Frau kennengelernt. Eigentlich fiel sie mir auf, weil sie kaum auffiel. Also nie etwas sagte. Stattdessen war aber so gut wie alles an Ihr unecht. Sie hat sich das Kinn begrübchenen und die Nase auf ein asiatisches Niveau verkleinern lassen. Die Oberlippe stand deutlich hervor, worunter jemand wie Freddie Mercury ein Leben lang zu leiden hatte – heute gehört das bei jeder – nennen wir sie – Sexschnauze zum guten Ton. Natürlich waren auch die Brüste gemacht, aus 75C (super) wurde 75DD (why?) und selbstverständlich wurde das Implantat unter den Muskel gelegt, darauf würde Madame großen Wert legen. Ihr Ayuss war recht large, kugelrund und stand heckseitig ein paar Zentimenter hervor. Ein bei Nordeuropäerinnen eigentlich eher selten festzustellendes Attribut, wie ich anmerkte. „Das war mal mein Bauch!“, sagte sie und lachte dabei, vermutlich weil sie nun mit Squats gleichzeitig den Bauch trainierte. Sie zeigte mir ein altes Foto von sich, welches vor all den Operationen entstand. Ein durchaus gutaussehendes Mädchen, leicht pausbäckig, aber wirklich hübsch. Jetzt, also nach den zahlreichen Operationen, fühle sie sich deutlich selbstbewusster und würde unheimlich oft Komplimente von Männern bekommen. Ihr Tinder-Kanal liefe heiß, auch wenn es dort aus ihrer Sicht eher infantil zugehen würde. Stattdessen hätte sie sich jetzt auf einem Sugardaddy-Forum angemeldet, dort seien die Herren deutlich reifer, echte Gentlemen und stünden zudem besser im Saft als Weintreter. Ich verstand. Wenn man sich also schon so zurechtschnitzen ließe, wie die gemeine Sexschnauzen-Fibel es vorschriebe, dann sollte da schon auch ein kleiner Notgroschen für drin sein. Oder ein Großer.

Wo sind wir eigentlich gelandet, wenn solche Sugardaddy-Plattformen normaler daily business geworden sind. Auf der einen Seite er, Unternehmer, Anfang 50. Mit allen Immobilien und dem Fuhrpark immerhin D-Mark-Millionär, leicht asozial, weil man für den Erfolg halt Ellenbogen braucht, weder Frau noch Kinder, dafür aber durchgehend latent riemig. Auf der anderen Seite sie, Anfang/Mitte 20 und nicht so viel Bock auf ein geregeltes Arbeitsleben. Durch jahrelanges Kellnern und Escort-Jobs genug Geld für Schönheitsoperationen gesammelt, die Würde direkt im Sprechzimmer abgegeben, im Austausch aber diese herrliche Sexschnauze bekommen, die im Alltag jedoch weitestgehend gehalten bleibt, weil: ist ja jetzt auch nicht sooo viel hinter. Riesige Brüste und ein Hoochie-Mama-Po. Sie reist ja auch so gern und mag Luxus-Hotels, wo sie dann immer schön ihr geschminktes Blasmaul Antlitz für Insta in die Kamera halten kann. Noch 2-3 Hashtags zur Location und oh so cosmopolitan. Perfect Match, meinst nicht? Die ärmsten Schweine sind ja eigentlich die, die das dann auch noch fotografieren und dem Model Mut machen, „eyyy, völl hübsch und super outstanding, um nicht zu sagen: double-special und IT-Girl verdächtig; we crosslink and masturbate a lot, is that aiight?!“. So viel trockengelutsche Selbstwichsmasse, but tell a friend.

Und dann bekommen Sugardeez und Bukkakina auch noch Kinder. Das absolute Überfiasko. Was, wenn die 9jährige Lilly mit dem Reflektieren beginnt und wissen möchte „Mama, wie geht die Welt?“. „Immer schön schlank bleiben, Prinzesschen. Machste fein Ballett und bleibst körperlich flexibel, nä!?“. „Aber why get thinner when you can get more dinner, Mama?“. „Sei Still und iss die Zucchini am Stück und ohne zu Husten, übenübenüben“ – okay, leicht drüber. But still.

Mein größtes Problem bei diesem ganzen Selbstoptmierungsmist: ich mach‘ da auch noch mit, ich wissender aber verlorener Mittelschichtswanker. Ich schmiere mir schon seit längerer Zeit täglich so eine Anti-Haarausfall-Suppe auf die Marmel, ich überlege alle paar Jahre, mir die Nase begradigen zu lassen (hab‘ da aber inzwischen einen neuen Trick gefunden: mehr Bart lässt die Nase kleiner erscheinen und kaschiert zudem den Doppelkinn-Ansatz!), ich benutze eine spezielle Augen-Faltencreme, hab‘ sogar einmal Botox ausprobiert (irgendwann in 2009, you’ll find out #notproud), konsumiere täglich Vitamine, andere Nahrungsergänzungsmittel und Antiaging-Präperate, mache täglich 20 Minuten Yoga und trainiere 2 bis 3x im Gym die Diskomuskeln; also mehr für die Optik als für die Gesundheit. Einfach nur, um mitspielen zu dürfen. In diesem oberflächlichen Drecksspiel, bei dem man Leute (die man hasst) mit irgendeinem Bullshit beeindrucken will (den man scheiße findet). Was bin ich nur für ein verhurter Heuchler, der den Beautywahn der Sexschnauzen anprangert und selbst genau in dieses Muster fällt. Ein einfacher Mann, bei dem ein voller Mund und ein gesunder Fleischbalkon auch inspirierender wirkt, als Schmallippigkeit und ein Hängedekolletée mit Brüsten länger als Montag. So ein ambivalenter Scheißdreck wieder, was will ich eigentlich?
___
tl;dr = bißchen mehr Herz wär‘ an sich mal wieder geil.

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Kommentare

5 Antworten zu “Montagskolumne: Selbstoptimierungswahn 2016 und das Ende der Sexschnauzen”

  1. Flo sagt:

    Lippensauger… was es alles gibt! :D

    Ich versuche die ganze Zeit mal ein Fitnessstudio zu besuchen um den einen oder anderen Muskel mal etwas zu trainieren. Nicht verkehrt wenn man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, denke ich. Mir käme das aber nicht in den Sinn damit ich am Strand eine bessere Figur mache, denn mir ist scheißegal was Wildfremde über meine Figur denken.
    Kann Schönheits-OPs aber nachvollziehen wenn man das macht, weil einem selbst dies oder jenes nicht gefällt. Kann aber nicht verstehen warum man sich bearbeiten lässt um anderen zu gefallen…

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  2. Nobody sagt:

    RZA schrieb in „The Tao of Wu“:

    „When a man recognizes himself, he recognizes his true jewel, and his body expresses that wisdom. He becomes a jewel himself. If his mind is sharp, the way he walks and talks has a certain beauty about it. Attain wisdom and you have all the bling you’ll ever need.“

    In diesem Sinne – weniger auf Äußerlichkeiten achten, das Rennen (gegen die Zeit) kannst Du nicht gewinnen.

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  3. Nils sagt:

    Herr Winkel,

    Wenn Du mal wieder in Kapstadt bist, trinken wir ein Bier auf meinem Balkon, rauchen ein kleinen J und philosophieren.
    Du sprichst mir aus der Seele und hörst zudem so gute Mucke!!

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  4. MC Winkel sagt:

    @Flo: … und deswegen Yoga! ich mach‘ das jetzt seit 3 Monaten (5-6x die Woche 20 Minuten, nach Möglichkeite 1x die Woche einen „echten“ Kurs besuchen, wird inzwischen überall angeboten) und wenn man sich erst einmal überwunden hat und diese ganzen Bewegungsabläufe nicht mehr als unangenehm empfindet, dann macht das wirklich a) Spaß und b) einen deutlich fitter. Zu dem anderen Thema: das ist ja die Crux, die Leude sagen natürlich, sie täten es für sich selbst. Inzwischen tun es aber 95% für mehr Aufmerksamkeit, für Likes auf Insta und für höhere Tinder-Scoringwerte. Und die meisten spielen da mit, weil sie es inzwischen als normal empfinden, „macht doch eh jeder“ und so. We all needz to chill more!

    @Nobody: … wahre Worte des Samurais! Man versucht es ja auch hart, aber es ist der lebenslange Struggle zwischen MirDochEgalImStayingTrue und IHaveToKeepUpToBeAPart, Danke Merkel. :) Und das Renen gegen die Zeit kann man etwas entschleunigen, aber dazu ein anderes Mal mehr.

    @Nils: Geht los! Und Kapstadt muss ich wirklich mal wieder machen, ist viel zu lang her…

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  5. Flo sagt:

    @Winkel: Ja, vielleicht werde ich sowas mal versuchen. Eine Freundin ist sogar Yogalehrerin und wäre somit gar nicht so die große Schwierigkeit einen Kurs zu besuchen.
    Klar, dass ein Haufen Leute die „Optimierungen“ am eigenen Körper nicht für sich selbst sondern um anderen besser zu gefallen macht, wollte ich auch gar nicht abstreiten. Und das ist definitiv besonders bedauerlich!

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