M.O.L. – Kapitel 1 “Die Gang” – Mittagstisch (Fortlaufender Roman)

Erzählt wird die Geschichte von Sven, 34 Jahre, aus Kiel. Seit 2 Jahren arbeitet er in einer Anwaltskanzlei, lebt mit seiner derzeit schwangeren Freundin Tine in einem Vorort und lässt privat mit seinem Freundeskreis, welchen er selbst “Die Gang” nennt, gerne und oft die Sau raus. Manchmal sogar außerhalb Kiels.

Halb eins, endlich Mittag. Man kann sagen was man will, aber Kiel ist schön, vor allen Dingen in den warmen Monaten. Da kann man dann nämlich auch draußen sitzen, zum Beispiel bei diesem Mexikaner am Europaplatz, die haben da immer einen schönen Mittagstisch. Das Geile: es gibt da so Coupons, im Kieler Express, in den Kieler Nachrichten, ich hab sogar mal einen in der April-Ausgabe des Tango gesehen, seitdem aber nie wieder. Muss wohl eine Sonder-Edition gewesen sein. Aber mit den Coupons bekommt man auf die Mittagsgerichte nochmal 40 Cent Rabatt. Gut, 40 Cent sind nicht die Welt, das Ding ist aber: ich bin bestimmt zwei Mal die Woche hier, gerade im Sommer. Manchmal auch am Wochenende mit Tine, lass es im Monat mindestens so 10x sein, da bist Du dann schnell bei 4€, in einem Jahr als bei fast 50, da müsste man sonst zwei mal für Blutspenden gehen. Reich wird man dadurch jetzt nicht schlagartig, aber irgendwo muss man ja anfagen.

Frank kommt schon wieder zu spät. Vielleicht musste er noch zur Bank oder so, wäre ja gar nicht verkehrt, ich krieg noch 4,50€ von ihm, wegen letztens in der Sportsbar. Auch da muss man schon ein bißchen gucken, man bestellt ständig die Pinten und alle legen da ein paar Euros auf den Tisch. Meistens kommt das ja auch hin, dass jeder gleichviel bezahlt, aber dann trinkt einer ein Glas mehr und schon ist da ein Ungleichgewicht drin. Beim letzten Mal war ich in der Halbzeitpause telefonieren. Tine. Fand das wieder nicht so gut, dass ich trinken gehe, weil sie doch gerade im siebten Monat ist. Ich hab’ ja auch gesagt, dass es nicht später wird, aber sie hatte sich den Abend eigentlich anders vorgstellt. Ihre Schwester ist gerade da und sie hätte es gut gefunden, wenn ich mit beiden zu Abend gegessen und das Spiel dann zuhause gesehen hätte. Aber kam ja nun nicht so, a) kann ich das ja wohl kaum den Jungs erzählen und b) nervt Mette, also die Schwester. Die mag mich auch nicht, weil sie wohl mal gehört hat, dass ich was mit einer Freundin von ihr hatte, was auch so halb stimmte, aber ich hab gesagt, sie soll nichts sagen, weil es ja auch nur so halb war, gevögelt wurde nicht. Egal. Zwanzig Minuten haben wir telefoniert, die zweite Halbzeit hat schon begonnen und ich habe ein Bier weniger als alle anderen getrunken und Frank in der Zwischenzeit eins mehr, das hab’ ich durch das Schaufester beobachtet. Er dachte bestimmt, ich sehe das nicht. Ich hab’ dann den Pintenpreis auf 100ml runtergerechnet, meine minus 250ml und Franks plus 250ml den Gesamtabgaben aller Jungs am heutigen Abend entgegengesetzt und kam auf 4,70€. Ich hab zu Frank aber 4,50€ gesagt, halt abgerundet. Scheiß auf die 20 Cent, kann er behalten. Da kommt er endlich.

Frank hat im Gegensatz zu mir eher einen unmännlichen Gang, lässt die Schultern immer so hängen und schlurft etwas. Redet auch total leise und hat manchmal, einfach so, den Mund auf. Der ist genau wie ich 34 Jahre alt uns sitzt da mit offenem Mund, eigentlich sollte ich ihm die 20 Cent mehr doch abnehmen, so ein Loser. Aber ein cooler Loser. Wie wir halt alle ziemlich coole Hunde sind, die ganze Gang, läuft bei uns halt alles. Guter Mittelstand, will ich mal sagen. Jetzt nicht alle, aber bei denen, die weniger haben, drück’ ich dann auch mal ein Auge zu. Dölle zum Beispiel, der einzige Handwerker unter uns. Muss manchmal schwarz irgendwo arbeiten gehen, Tapezieren oder Streichen oder so, macht eigentlich jeden Scheiß. Kann er aber auch, da hat er ein Händchen für. Wenn Dölle mal ein Bier mehr trinkt, dann sage ich zum Beispiel auch mal nicht. Nicke ihm dann zwar mit hochgezogenen Augebrauen zu, nur dass er versteht, dass das schon okay ist. Aber wie gesagt, alles coole Leute, eigentlich könnten wir alles richtige Größstädter sein. Sind wir ja eigentlich auch. Aber ich mein’ so Hamburg, das ist schon eine andere Nummer. Da muss man schon was hermachen, da reicht ein Diplom alleine nicht, da musst Du richtig ein Ego haben, um in der Geschäftswelt bestehen zu können, gerade als Anwalt. Da wird bestimmt gekokst. Sowieso gibt es bestimmt viele Anwälte, die koksen, aber ich werde nie so einer, da bin ich zu cool für.

“Frank, Moinsersen!”. Ich sag’ immer Moinersen weil’s halt schon cooler ist als nur “Moin” oder “Moin Moin”, das geht ja gar nicht mehr. Zur Begrüßung gebe ich ihm die sogenannte Kralle, also nicht die normale Hand, sondern mit den Fingern nach oben, dass die Handballen so ineinanderklaffen. Manchmal klatscht das auch voll laut, dann wissen die anderen Leute um einen herum auch immer gleich, dass man zwar Anzug trägt, aber nicht so wie der typische Anzugträger ist. Halt viel lässiger, Kralle und Moinersen, bißchen Punk muss schon sein. “Und, haste mit?”, frage ich als Erstes. “Was denn?”, antwortet er mit gewohnt leiser und auch leicht belegt klingender Stimme. “Na die 4,50, aus’m Pub neulich!?”. “Ach so, ja klar, hier haste Fünf”, sagt er und kramt einen Fünf-Euro-Schein aus der Tasche. Nicht schlecht, das hat Gesicht. Hat er sicherlich selbst schon gemerkt, dass es eigentlich 4,70€ waren und weil ich jetzt nachfragen musste dann automatisch aufgerundet. Ich denke, da will ich heute mal gnädig mit ihm sein, “Hier, nimm den mal, für später.”. “Was ist das?”. “Na so’n Coupon aus der Express. Sammelst Du die nicht?”. “Nein, eigentl… also, da kriegt man hier dann nochmal 40 Cent Rabatt?”. “Ja! Geil nä?”. Er guckt mich an. Schon wieder mit offenem Mund. Mann, ist. Der. Typ. Langsam. Aber ja auch irgendwie süß. “Ja, ganz geil”. Ich lache laut. Unecht und laut.
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“M.O.L.” ist so eine Art Roman, der hier ab sofort in regelmäßigen Abständen fortgesetzt wird. Das Ganze basiert natürlich auf Selbsterlebtem, wobei alle Namen und ein paar Charakterzüge modifiziert und vermischt wurden. Es kann durchaus sein, dass Jemand sich hier wiederfindet, was unter Umständen nicht ungewollt ist.

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Kommentare

Ein Kommentar zu “M.O.L. – Kapitel 1 “Die Gang” – Mittagstisch (Fortlaufender Roman)”

  1. AndiG sagt:

    Haha geil, solche Typen kennt glaub ich jeder. Warum mein Berufsstand mal wieder herhalten muss? Weil wir alle so geil sind, deshalb. Aber nicht weitersagen. Kralle drauf.

    AntwortenAntworten

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