Runtime – Part XI

Gerade wollte ich los, zur türkischen Schneiderei in der Straße gegenüber, da klingelt das Telefon. Kurzmann ist dran. Kurzmann heisst eigentlich Timo P., misst aber nur 1,59m. Kurzmann ist ein Arschloch, mit dem man ungern seine Zeit verbringt. Nicht nur wegen seiner suppenden Pusteln auf dem Unterarm; er produziert auch überdurchschnittlich viel Zahnstein und riecht oral trotz Colgate und Orbits so wie der Sprühkopf des schonmal benutzten Nasensprays, welches zwischenzeitlich über ein Jahr im Medizinschrank verstaut blieb. Von dem übermäßigen Schwitzen der Hand- und Fußflächen mal ganz zu schweigen. Kurzmann darf sogar im Schwimmbad seine Straßenschuhe anbehalten, so der Bademeister. Er kann nichts dafür, sagt er, er habe halt einen guten Stoffwechsel. Trotzdem war es Ihm sehr unangenehm, als er beim Völkerball während des Schulsports wegen Bodennebel die Rauchmelder auslöste. Dabei war er nur Strohpuppe.
Warum ich mich trotzdem mit Ihm abgebe: Seine Schwester ist die Zahnarzthelferin, die mir bei Vergessen die Stempel in meinem Bonusheft nachträgt. Er habe noch etwas gut bei mir, erzählt er und bittet mich, ihm bei seinem neuen Vorhaben zu unterstützen. Er wolle zeitnah eine Spielothek mit eigenem Pornokino- und Dönerbereich eröffnen. Die Lizenzen hätte er schon. “Das ist es doch, um was es im Leben geht: Daddeln, wichsen und fressen!”, erzählt er mir aufgeregt. Kurzmann ist noch nicht weit rumgekommen, er hat nicht viel von der Welt gesehen. Um ehrlich zu sein, hat er den Kieler Stadtteil Gaarden nur 3x in seinem Leben verlassen: 1x ist er im Bus eingeschlafen, 1x musste er ins zentrale Pfandhaus und 1x gab´s nirgendwo mehr Overstolz. Und jetzt würde er mich doch gerne als Werbe-Texter und Grafiker einsetzen. Ich sei doch so vielseitig. Er hätte noch keinen Namen und ein Slogan würde Ihm auch noch fehlen. “Daddel Kebap 69!”, antworte ich Ihm kurz, “So nennst Du Deinen Laden. ‘Timo´s Daddel Kebap 69 – spielend zu Höhepunkt mit Alles!’ Schreib´ Dir das auf! Ein paar Grafiken schick´ ich Dir heute Abend noch zu. Muss jetzt los, Peace.”. “Äh, ja. Super. So mach´ ich´s!”. Wird sowieso wieder nichts. Warum also anstrengen. Ein paar alte Word-Icons kriegt er noch – fertig.
Bei der Schneiderei angekommen die nächste Katastrophe: Mittagspause. Scheiße. Ich brauche doch heute noch unbedingt die mit “PRO target_blank“-bestickten Laken für die Demo in Braunschweig. Diese wollten die mir doch bis Mittag noch liefern, die Schweine. Sieht so aus, als wäre das ein neuer Fall für meinen Anwalt Dr. Bergpfotse, ich fahr´ da gleich mal hin. Den Herrn Juristen habe ich wirklich lange nicht mehr gesehen, geriet er doch selbst in einen grenzwertigen Rechtsstreit bezgüglich illegal eingeführter Krokodilleder-Zigarettenetuis mit Elfenbein-Verschlussmechanismus. Er fährt so gerne nach Bratislava, der Herr Doktor.
“Bergpfotse!”, riss ich die Tür zu seinem Büro im 15ten Stockwerk des Hörn-Towers auf, “Die Lappen sind nicht fertig geworden – VERTRAGSBRUCH!”, schrie ich so laut, dass sich seine Lichtschalter, die auf lautes Klatschen reagieren, an- und ausschalteten. “BITTE WAS?”, schrie er ebenso laut zurück. Dabei rollte er mit seinem Drehstuhl von dem Fenster, aus dem er vor 10 Sekunden noch seelenruhig ins Leere starrte, zu seinem Schreibtisch und sprang auf. “Diese Hunde schleifen wir bis nach Karlsruhe!”. Das Licht schaltete sich weiter ein und aus. Ich freute mich, merkte ich doch schließlich, dass Bergpfotse und ich immer noch die gleiche Sprache sprechen. “SAUEREI.”, “REGRESSANSPRUCH!”, “§242, 243 UND 263 ESSTEEGEEBEE!” und “KANNTSTEINPRESCHE!”, waren nur einige Vokabeln, die wir uns – uns gegenseitig in Rage schreiend – zuwarfen.
Die Tür ging auf. “Ey, ist hier Party oder was? Ich sah von draußen Discolicht!”. Es war Kurzmann. Ja Fixlatt´n, der Hörn Tower steht ja in Gaarden. Zum Glück kam gerade ein 16köpfiger Trupp der Gebäudeverwaltung zugehöriger Security-Leute. Sie packten Kurzmann und schliffen Ihn an seinem Backenbart durch die Flure. Wie komme ich jetzt nach Braunschweig?
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