Ein Tag mit Firma “Kugellager Hasselhardt”
Die Montage waren immer das Schlimmste in meinen Jahren als Angestellter. Wir hatten seinerzeit ein Callcenter, welches die Termine für mich als Außendienstmitarbeiter koordinieren sollte. Recht schnell hab ich den Brüdern beigebracht, mir niemals einen Termin vor 10.00h zu machen, an Montagen frühestens ab 11.00h. Das Ganze war natürlich eine MC Winkel/CallCenter-interne Regelung, über die ich erst jetzt, 10 Jahre später, reden kann. Aber bis auf diesen einen Montag funktionierte das ganz gut.
Dieser eine Montag war glaub’ ich der Besonderste in meiner Zeit als Account Manager, wie es damals so halbgay auf meiner Visitenkarte stand. Der erste Termin musste leider für 8.00h angesetzt werden, weil ich im Anschluss dann noch zu zwei weiteren Niederlassung derselben Firma fahren sollte. Das war die Zeit, in der ich am Wochenende noch regelmäßig feiern ging und am Sonntag selten vor 8.00h morgens zuhause war. Und nur 24 Stunden später dann der sogenannte Business-Termin, ich war befahnt wie der Reichstag und fühlte mich blümeranter als Fleurop Platinkarten-Kunden, aber es ging wohl nicht anders. Ich fuhr von zuhause aus direkt zu dieser Firma in den Grasweg in Kiel.
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Bereits im Treppenhaus roch es nach verbranntem Gras, dabei wohnte Katey im vierten Stock. Das Bonggeblubbere und eine Lache, irgendwo in der Mitte von Tom Hanks in “
Bis ich am Nachmittag in der Praxis Petersen ankam, Kundentermin. Der Chef wäre nicht da, ich möge doch alles mit der Assistentin abkaspern. Auch so ein Kleinstadtwort, abkaspern. Abfrühstücken. Beschnacken. Auseinanderklabüstern. Ich find’s ja sympathisch, eigentlich schade, dass man überall woanders dafür ausgelacht wird. Die Assistentin war ein – wie wir früher sagten – Augenschmaus. Heute sagt man Sau; etwas unromatischer, aber on-point, es ist halt immer wenig Zeit. Sie wies so die Classics vor, eine Makeup-Schicht, wo Schicht mehr Euphemismus für Krustenbelag, wenn nicht Bitumen war. Leuchtender Lippenstift, orange, rosa, rot – fragt mich nicht. Irgendwas, was scheiße aussieht aber geil macht, halt dieses Sasha Grey-Phänomen. “Herr Winkelsen, na dann kommen sie mal mit – ins BeHAndlungszimmer!”, das “ha” Behandlung habe ich groß geschrieben, weil sie es so “HAH” (englisch “huh”) aussprach, zur Verdeutlichung.
In den letzten paar Jahren seien dort drei Mitarbeiter Marmel-seitig durchgeschnalzt. Also, kein einfacher, Rangnick’scher Ausbrenner mit drei Wochen Ausschlafen und alles läuft wieder – nein, so richtig mit Einweisung, Kur und anschließender, psychologischer Langzeitbetreuung. Überboten werden kann dieses Phänomen noch vom innerbetrieblichen Paarbilderism – 27 der 80 Mitarbeiter (33,75%) haben in den letzten paar Jahren miteinander herumgedietschert, aktuell würde es resultierend daraus immer noch ein halbes Dutzend (17,5%) funktionierende Beziehungen geben, ein Irrsinn. Gerade bei Angestellten ist doch das Büro die einzige Rückzugsmöglichkeit vom/von der zahnbehaarten PartnerIn. Ich fragte, wie es denn so wäre, wenn jeder Dritte in dem Laden eine/n oder mehrere KollegInnen bereits einmal knieend von hinten gesehen hätte – und ich sollte es erfahren:
Jedenfalls kam ich seinerzeit immer nur vormittags kurz ins Büro. Ich kümmerte mich nur schnell um die dienstlichen E-Mails, dann etwas ausführlicher um die Privaten, las noch 10-20 Blogs und fuhr dann zum ersten Außentermin. Manchmal hatte ich im Anschluss noch etwas Luft, also so 2-3 Stunden zum nächsten Termin zu überbrücken. Wenn das Wetter schön war, fuhr ich gerne an den Strand, kaufte mir ein schönes Mandelhörnchen und einen Becher Kaffee, setzte mich auf eine Bank an der Promenade und rauchte eine Filterzigarette. Manchmal zog ich die Packungsfolie ein Stückchen vor, brannte mit der Glut seitlich ein Löchlein in die Folie und pustete dann etwas Rauch hinein. Wenn ich dann mit dem Zeigefinger vorsichtig gegen die Folie klopfte, kamen kleine Rauchringe aus der Packung, was lustig aussah und auch nur gemacht wurde, weil es weder Smartphones noch UMTS gab.
Wobei, persönlich kannte ich den besagten Herren und ehemaligen Arbeitskollegen nicht wirklich näher. Ein ganz normaler Kieler, 9to5 und 2x Sport unter der Woche (Tischtennis! Bei absoluter offthehook-Tagesform und der Sonne im Zenith auch gerne Federball), am Samstag Wagenwäsche und ficken, Sonntags Tatort. Ein paninöses Abziehbild mit Phil Collins im Autoradio (nur die neuen Sachen, als er schlecht wurde), HTC-Handy und Güddelmusszudenschuhebasse. Jemand, den man sogar aus versehen rechts überholt und wenn ein durchschnittliches Menschenleben nur ein Furz im Raum-Zeit-Kontinuum ist, so ist sein Leben der im Nichts verschwindende Nachhall ebendieses in der Subkontraoktave C2. Was ich dennoch an ihm mochte: nichts. Na gut, er räumte oft den Firmen-Geschirrspüler aus, das war okay, wenn mir bisweilen aber auch etwas zu laut.
Das Schlimme ist: viele Männer wollen einfach ihre Ruhe haben, machen dieses Gebaren aus Harmonie-Gründen mit und merken gar nicht, dass sie sukzessive entskrotumisiert werden/wurden. Ist es dann erst einmal zu spät, wirken die Betaisierten auf ihr Umfeld wie ferngesteuert. Sie kaufen sich Nickelbrillen, geben Interviews nur noch zusammen mit ihren Frauen aus dem Schlafzimmer heraus. Sie tragen den Namen ihrer Herrin in mieser Gold-Typo um den Hals und ganz ehrlich: was Dieter Bohlen der deutschen Musikkultur angetan hat (und immer noch antut) ist unverzeihlich, aber davor, dass er diese Nora-Kuh seinerzeit nicht auslöschte, ziehe ich meinen Hut. Massive Props, er muss gelitten haben wie Albinos in den Freibädern Ugandas, die Mittags ein Sonnencreme-, Schirm- und Hut-Verbot aussprechen.
Natürlich kenn ich noch die Namen, ist ja auch erst
“Du bist am Trinken, jetzt schon, w… wieso denn? Und noch wichtiger: wo?”. Er erzählte mir Alles, auch, dass er in einer Einraumraucherkneipe sitzen würde, wo ihn Niemand kennt, direkt an der Bar, mit Holsten Edel und was für ein schönes Gefühl das gerade sei. Er lallte etwas, machte aber einen glücklichen Gesamteindruck und naja, auf ein Bierchen könnte ich ja nach Feierabend auch mal reinschauen. Ihr kennt das. Aus eins wird drei, aus drei acht und solche Abende enden niemals vor Mitternacht. An diesem Tag lernte ich Einraumraucherkneipen wirklich schätzen, habe selten ehrlichere Veranstaltungen gesehen. Hier stinken die Klamotten am nächsten Tag wenigstens noch nach in Altbierjauche getränkte Teerwürfel, hier sieht man das Geschehen schemenhafter als Informatikertreffen im lokalen Hammâm, hier kann man noch Mensch sein! Wie ich um 2.30h Nachts feststellen durfte: sogar ein sehr betrunkener Mensch.
