Aus “Der junge MC”: Montag Nacht bei Frau Buschbach

Es ist jetzt nicht so, dass ich sie herbeisehne, aber so ganz ohne – es ist, als lebte ich in Frigidistan. Die Rede ist von lautstark kommunizierten Extasegeräuschen – kurz: Bumslauten – aus nachbarschaftlichen Gefilden. Ich wohne hier jetzt seit 15 Jahren und auch wenn ich nicht ständig hier bin: ich habe hier in all der Zeit noch keine Vögeltunes vernommen. Eine komplett stöhnfreie Zone, eine Diaspora zurückhaltender Bimsnixlauts, die entweder unter Kehlkopffäulnis (optional: Elchzunge) leiden oder aber weniger aus sich herauskommen als Stuhl bei Obstipationisten (optional: Weisheitszähne bei Grundschülern). Bloß Niemanden stören. Ich werde hier mal T-Shirts verteilen, “15 Jahre 15 Deziblel – Enjoy The Silence”. Um den Allgemeinpegel ein wenig zu elevaten bin ich selbst nun schon länger triple-, wenn nicht quadruple-laut, selbst beim Onanieren, einer muss ja hier so ein bißchen Passion in die Westkiel’sche Athmosphäre preschen. Letzte Woche war der Geheimdienst vor Ort und hat die Audio-Empfangsteile in den Rauchmeldern ausgetauscht. Man sei skeptisch geworden, leiser war es zuletzt wohl nur im Mittagspausenraum der Soutane-Reinigung im Vatikan, nach Feierabend.

Aber wie ich sagte, ich sehne es auch wirklich nicht herbei, man wird ja doch nur abgelenkt und wenn ich mich hier so umschaue – I don’t want these Bilder in meinem Kopf, ist schon alles gut so. Ich denke nur zurück an die Zeit in Belvedere. Übrigens ernsthaft, wir haben in Kiel eine Ecke, die sich “Belvedere” nennt. Meine damalige Wohnung dort war viel zu teuer, es gab kaum Parkplätze aber ey: wer will nicht in Belvedere wohnen? Und dort war’s auch wesentlich lauter, meine Nachbarin von schräg unter mir hatte jeden Montag Abend ausgedehnte, laute Brunft-Treffen. Frauen wie sie nennt man heute wohl Vollweib, halt viel zu selbstbewusst für die zahlreichen 360° Asymmetrien und Deformationen. Viel zu filigrane, einschneidende Highheels für den doch eher voluminösen Fuß, am Ansatz herausgewachsene, blondwallende Fönlocken, die durch ein ständiges, artifizielles Herumgewippe das Gesamterscheinungsbild noch drastischer herabstuften. Aber sonst nicht unsympathisch.

Musikhochschul-Absolventin mit sehr viel Liebe für Johann Sebastian Bach, ständig sang die alleinlebende Virtuosin seine Motetten oder ratterte sonstwelche Bachkantaten in die Tasten ihres Klaviers, allerdings nur von Dienstag bis Sonntag, ihr wisst ja. Als ich an einem Nachmittag im Frühling mit einer Kiste Holsten und einer Vorratspackung an dreivierlagigem Toilettenpapier nachhause kam, sah ich sie auf dem Balkon die Wäsche aufhängen. Sie trug Tschibo-Unterwäsche und hatte deutlich sichtbar keinen Bock auf eine gepflegte Bikinizone. Doppelwallung, oben die mediblonden Fönloden, unten der Valderramascheitel. Wildwuchernde Fronthüftbehaarung, ich meine da links sogar Quetsloves Afrokamm entdeckt zu haben, vielleicht war’s aber auch nur ein Garagentor.

Irgendwann lud sie mich plus ein paar Freunde zu einer Party ein, all ihre schöngeistigen Klavierbrüder und Chorschwestern würden ebenfalls kommen. Das war seinerzeit mit meinen NWA-Homies und Queen Latifah-Hoodrats nicht ganz vereinbar, es blieb letztlich auch bei dieser einen, gemeinsamen Feierlichkeit, aber hin musste ich da auf jeden Fall. Viel zu neugierig war ich auf El Röhro, den Montagsbeglücker. Den ich dann auch sah: 1,70m und vielleicht 45kg, Linksscheitel und Pullunder. Wie, w… wie sollte der jemals?! Vielleicht war er ja Hung wie ein Weihnachtsbaum (Stechfichte), aber Pinocchio würde Veronica Ferres auch niemals so laut zurechtbezirzt bekommen, zumindest nicht, solange er die Wahrheit sagt. Ich war entsetzt, die Buschbach und ein Midget, aber ein Alarm wie bei der Schlacht von Gettysburg. Als die meisten Gäste die Party verlassen hatten, erzählte mir El Röhro, er würde sich in absehbarer Zeit dann auch fest bei seiner Freundin einquartieren, Belvedere sei ja nun auch wirklich nicht die schlechteste Ecke.
Ich zog dann sicherheitshalber aus.
An einem Montag.

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Ecke Kaltz, Hrubesch Kopfball, Tor #nurderhsv

Kommentare

6 Kommentare zu “Aus “Der junge MC”: Montag Nacht bei Frau Buschbach”

  1. Perot sagt:

    “Pinocchio [...] solange er die Wahrheit sagt.” Da waren aber auch wieder ein paar Brüller drin. :-) Möge Dir die Inspirationsquelle für Deine “Young MC”-Kolumne nie ausgehen – love it!

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  2. Folker Mienkus sagt:

    Emser, you made mal wieder my day – herrlich !!! Valderramascheitel und Stechfichte – klasse !!!

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  3. Slavefriese sagt:

    Afrokamm!! Smart Hairy!

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  4. singhiozzo sagt:

    Seit langem mal wieder ein Kommentar hier von mir. Die Geschichte war der Knaller, nur geil.

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  5. Scholli sagt:

    Ich hab hier so oft Bimsgeräusche aus der Nachbarschaft, dass ich mich manchmal frage, ob betreffender Nachbar noch richtig laufen kann. Normale Bimsgeräusche, ekstatische Gottesanrufungen durch mindestens einen Damenchor, rhythmisches Möbelrücken – die volle Palette eben.
    Aber nun, die Bude ist hellhörig und der Nachbar steht voll im Saft.
    Gibt ja auch Ohropax…

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  6. Ruth sagt:

    “Valderrama” musste ich googeln- hätte ich mir denken können- bei Fußballern gibt’s ja öfter “fiese Scheitel”.
    Die Rubrik “Der junge MC” ist einfach die Beste;-)

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